Zeitzeugen Paul Poljakow
Die Geschichte der Familie von Paul Poljakow ist untrennbar mit den Ereignissen von Lienz im Juni 1945 verbunden. Angehörige seiner Familie befanden sich während der Tragödie vor Ort; einigen gelang die Flucht in die umliegenden Berge, andere wurden in die Sowjetunion deportiert.
Diese Erfahrungen von Verlust, Entwurzelung und gewaltsamer Rückführung prägten das familiäre Gedächtnis über Generationen hinweg.
Im Jahr 1953 kam Paul Poljakow erstmals als Pilger nach Lienz. Sein Besuch war Ausdruck des stillen Gedenkens an die Ausgelieferten und an das Schicksal der betroffenen Familien. Aus dieser persönlichen und historischen Verbindung heraus entstand jene dichterische Auseinandersetzung mit Lienz, die in seinem Werk einen besonderen Platz einnimmt.
20.12.1902 – † 30.10.1991
Paul Poljakow – Drei Gedichte
Paul Poljakow gehört zu den dichterischen Stimmen der Nachkriegsgeneration, die das Schicksal der im Juni 1945 in Lienz ausgelieferten Kosaken literarisch verarbeitet haben. Seine Texte sind kein historischer Bericht, sondern Zeugnis – geprägt von persönlicher Erfahrung, religiöser Auseinandersetzung und kollektivem Gedächtnis.
Die Gedichte verbinden persönliche Klage, religiöse Anklage und historisches Bewusstsein. Sie sprechen von Verrat, Verlust der Heimat, zerstörter Identität und vom Ringen um Würde unter politischen Mächten, die über Menschen verfügten. Sie machen deutlich, dass politische Entscheidungen konkrete menschliche Schicksale hatten.
Die Ereignisse von Lienz stehen bis heute im Spannungsfeld unterschiedlicher historischer Bewertungen. Poljakows Verse erheben keinen Anspruch auf wissenschaftliche Analyse – wohl aber auf Erinnerung. Sie bewahren die Perspektive der Betroffenen und fragen nach historischer Verantwortung.
In einer Zeit, in der Erinnerung oft vereinfacht oder relativiert wird, geben diese Texte der Erfahrung der Betroffenen eine eigene Stimme.
Der russische Originaltext ist zur Wahrung des authentischen Wortlauts als PDF abrufbar.
Übersetzung und Veröffentlichung mit Genehmigung seiner Tochter, Natasha Poljakow.
I. SILENTIUM
Willst du bestehen in dieser Welt,
so lerne dich zu beugen.
Stoß mit scharfem Ellbogen vor
und lerne, mit dem Schwanz zu wedeln.
Was man dir sagt, das sprich ihm nach —
mit Eifer, ohne Zögern.
Du Heimatloser, du Vertriebener,
geduldet nur im Fremden.
Wen kümmert hier dein untergang’nes Volk,
dein Land in Blut und Feuer?
Tanz nach der fremden Herren Pfeif’
und nenne dich ihr Getreuer.
Vergiss der Väter heilig Blut,
vergiss der Ahnen Schwur.
Hast du Geld — so kauf dir Ehr’,
kauf Wärme dir und Spur.
Bist du arm und ohne Dach,
so such den Zaun am Rande.
Leg dich nieder. Warte still
auf deinen letzten Tage.
Dein Land zerfiel im Sturm der Zeit.
Schweig davon. Man lacht.
Hier ist nichts heilig.
Hier gilt der schnelle Griff bei Nacht.
Raff, was du raffen kannst —
frag nicht nach Recht und Adel.
Willst du hier bestehen —
so lerne: mit dem Schwanz zu wedeln.
II. Den in Lienz Ausgelieferten Kosaken
(Zum neunten Jahrestag)
„In der Tiefe sibirischer Erze
bewahrt euer stolzes Schweigen.“
Auch uns wird man willig verkaufen —
wie euch man zur Schlachtbank verriet.
Seid stolz auf den Namen: KOSAK.
Ihr seid nicht vom Weg Christi gewichen.
Der Osten — Knecht, Höriger, Sklav.
Doch Ehre ist kein westliches Wort.
In sibirischer Finsternis
habt ihr die Hölle ertragen.
Und hier verehrt man die Silberlinge
in demokratischen Händen.
Unter dem Krach leerer Phrasen
gilt nur ein Gebot:
Treibt die Münze.
Das Geld ist Maß.
Dort — Blut und Opfer der Kosaken.
Hier — Handel mit diesem Blut.
Dort Opfer.
Hier Spekulanten.
Hier der Westen — niedrig und leer,
mit Markt im Tempel des Herrn.
Dort der Osten — blind im Wahn,
der im Rohling sich einen Götzen schuf.
Und dazwischen standet ihr,
Azow nicht vergessen,
Moskaus gesamtrussische Ketten
nicht anerkannt.
Doch es wird kommen — die helle Stunde.
Die Freiheit kehrt zurück wie ein blauer Vogel.
Und wieder -wird Starotscherkassk
vereinigende Hauptstadt sein.
Die Steppe wird sich erheben.
Und werfen wir Köder gen Westen —
so kaufen wir uns Freunde,
wenn es sein muss. So viele wie nötig.
III. Am Kreuz in Lienz
Verdunkelt sind Erlen und Senken.
Am Abend rötet sich das Blau.
Mit Dir werd’ ich nicht fertig —
Wehmut liegt in meiner Seele.
Haben wir Dich nicht gepriesen, Gott?
Nicht zur Freude — zu Klage und Schmerz.
Du hast geführt — und Du hast vernichtet,
uns preisgegeben — Henker.
An nichts mehr glaube ich.
Ich lebe im Elend und im Wahn.
Ich warte, bis Du mir öffnest —
und werde furchtlos eintreten.
Und ich werde die Ausgelieferten sehen:
Wunden. Blut. Verbrannte Augenhöhlen.
Zusammengepresste Finger.
Und am Leib den abgeschnittenen Lampass.
Ich werde erschrecken.
Und flüstern, ohne die Lider zu senken:
Ist dies der Schatten des verheißenen Paradieses?
Der Hoffnung auf Christus?
Kiefern. Fichten. Senken. Mulden.
Ein Regentag versinkt im Grau.
Soll ich mein Herz herausreißen
und es in fremder Erde begraben?
Anmerkung:
Die „Lampass“ ist der farbige Streifen an der Kosakenhose – Zeichen von Zugehörigkeit und Ehre. Ihr Abschneiden bedeutete den Entzug von Identität und Würde.
Die abgeschnittene Lampass ist ebenso bedeutsam wie Wunden und verbrannte Augen:
Man tötete nicht nur Körper – man raubte Identität.