Anni Gruber
Frau Anni Gruber, geborene Girstmair (geb. 1926), war 18 Jahre alt und erlebte die Ereignisse rund um die Ankunft der Kosaken in Lienz und deren tragisches Ende im Juni 1945 aus nächster Nähe. Später schilderte sie ihre Erinnerungen wie folgt:
„Ich wohnte mit meinen Eltern und Geschwistern in einem Bauernhaus das sich heute noch an der Kärntner Straße befindet.
Am Nachmittag des 8. Mai 1945 kam plötzlich ein ganzer Tross Kosaken auf uns zu. Das versperrte Gartengatter wurde aufgerissen und etliche Kosaken stürmten mit ihren Planwagen, die wie Zigeunerwagen ausschauten, ins Hofinnere.
Zuerst drängten alle zum Brunnentrog, um ihren Durst zu stillen, und dann kamen viele in unser Haus. Ein Offizier sprach etwas deutsch und tröstete unseren Vater. Er sagte, wir hätten nichts zu befürchten, sie möchten sich nur von den großen Strapazen etwas ausruhen.
Sie waren alle todmüde und hungrig. Sie leerten unsere Speisekammer und forderten unsere Mutter auf, Polenta zu kochen. Abends holten sie sich die Milch vom Stall. Die Frauen und Kinder schliefen in der Stube, die Männer im Flur. Neben sich hatten sie die Eierhandgranaten und Sturmgewehre.
Am nächsten Tag erschien ein höherer Kosakenoffizier und sagte, dass die Offiziere beim Fischwirt ihr Hauptquartier bezogen haben.
In den nächsten Tagen plünderten die Kosaken die Lebensmittel aus dem benachbarten Grafenanger-Barackenlager, das die französischen Gefangenen bereits verlassen hatten. Die Pferde der Kosaken grasten in kürzester Zeit unsere Wiesen ab, so dass wir unsere Kühe zu den Bauern in die Berge bringen mussten.
Nach vier Tagen kamen die Engländer in unser Haus, entwaffneten die Kosaken und überstellten vorwiegend Familien in das Barackenlager in der Peggetz. Dieses Lager stand zum Großteil leer, da die deutschen und die österreichischen Soldaten bereits seit zwei Tagen auf dem Rückzug in ihre Heimat waren.
Im Barackenlager wurden die Kosaken von den Engländern gut versorgt. Es wurden ihnen sogar Waffen ausgehändigt für die Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung im Lager. Die Kosaken hatten die Hoffnung, dass sie bald nach Australien oder Kanada auswandern können.
Am 1. Juni, als wir auf unseren Feldern in der Nähe des heutigen Liebherr-Werkes arbeiteten, hörten wir plötzlich das Schreien der Kosaken und mussten mitansehen, wie die Engländer die Kosaken zusammentrieben, wahllos in die Menge schossen und sie in die 40 bereitgestellten Viehwaggons trieben.
Einige sprangen mit ihren Kleinkindern in die hochwasserführende Drau, viele konnten flüchten und sich in den Wäldern verstecken.
In den ersten drei Tagen wurden 4.597 Kosaken mit dem Zug von der Peggetz aus nach Judenburg überstellt. 1.242 Kosaken wurden von den Engländern in den Wäldern aufgespürt, vom Berg wie Tiere heruntergejagt und mit dem letzten Transport am 15. Juni in Lastwägen nach Judenburg geschickt und dort der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben.⁶
Insgesamt wurden aus Osttirol und Kärnten ca. 25.000 Kosaken über Judenburg nach Russland deportiert, davon 5.600 Kosaken aus Osttirol.
Vier Tage vorher, am 28. Mai, wurden alle 1.425 Kosakenoffiziere vom Peggetzer Kasernenhof auf 60 Lastkraftwagen zu einer Scheinverhandlung nach Spittal/Drau geliefert. Diese fand aber nie statt, stattdessen wurden alle Offiziere an Stalin ausgeliefert, was den Tod oder einen langjährigen Kerker bedeutete.
Ein Kosake kam mit seinem einäugigen Pferd auf meinen Vater zu und schenkte ihm das Pferd, um es vor dem Schlachten zu retten. Dieses Pferd spannte mein Vater zu unserem dazu. Beide verrichteten noch einige Jahre ihren Dienst auf unseren Feldern, im Wald und auch bei der Schuttbeseitigung nach den Bombenabwürfen.
In unserer Doppelharpfe (Strohlager) vor Nußdorf haben sich einige Flüchtende im Strohlager erfolgreich versteckt, die wir eine Woche lang mit Lebensmittel versorgten. Diese haben dann in der Peggetz Quartier bezogen, bis sie zu Verwandten nach Amerika ziehen konnten.
In späteren Jahren haben sie uns besucht und uns mit Stoffen beschenkt als Dank für unsere seinerzeitige Hilfe.“