Am ersten Juni gedenken….

Am ersten Juni gedenken wir der Kosaken, ihrer Frauen und Kinder, die vor 81 Jahren verraten und der bolschewistischen Macht ausgeliefert wurden.

Zum Gedenken an diesen tragischen Tag bereisten wir Anfang der 2000er Jahre zahlreiche Städte und Dörfer in Italien und Österreich, durch die die Flüchtlingstrecks des Kosaken-Stans im Mai 1945 gezogen waren. Dabei sammelten wir die Erinnerungen von Zeitzeugen und dokumentierten ihre Erlebnisse. Über viele dieser Begegnungen habe ich bereits berichtet.

Heute möchte ich eine weitere Erinnerung teilen – die Geschichte einer Frau, die als junges Mädchen den Durchzug des Kosaken-Stans durch ihr Heimatdorf miterlebte.

Es war ein regnerischer Tag im Mai 1945. Während der Nacht hatte es stark geregnet, und am Morgen lag dichter Nebel über dem Tal. Die damals dreizehnjährige Emma half bereits regelmäßig auf dem elterlichen Bauernhof. Als sie frühmorgens das Haus verließ, um das Vieh zu versorgen und Heu in die Futterraufen zu bringen, bot sich ihr ein Bild, das sie ihr Leben lang nicht vergessen sollte.

Aus dem dichten Nebel tauchten zunächst berittene, bewaffnete Männer auf. Ihnen folgten Wagen, beladen mit Hab und Gut, und dahinter ältere Menschen, Frauen und Kinder. Wie aus einer anderen Zeit erschienen sie aus dem Nebel, zogen schweigend vorbei und verschwanden wieder im Weiß des Morgens.

Emma stand wie verzaubert. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Die Prozession schien kein Ende zu nehmen. Fast eine halbe Stunde lang zogen Menschen an ihr vorbei. In ihren Gesichtern sah sie Erschöpfung, aber auch Würde, Entschlossenheit und eine außergewöhnliche innere Stärke.

Als sie mir viele Jahrzehnte später davon erzählte, sprach sie Worte, die ich in ähnlicher Form bereits von anderen Zeitzeugen gehört hatte. Mit bewegter Stimme und Tränen in den Augen sagte sie:

„Es war, als würde ich mit eigenen Augen eine biblische Szene sehen – den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten.“

Nach einer Weile des Schweigens stand sie auf und sagte mit einem traurigen Lächeln:

„Warten Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Wenig später kehrte sie mit mehreren gerahmten Bleistiftzeichnungen zurück. Sie zeigte sie uns und erklärte:

„So sah es damals aus. Natürlich konnte ich als Kind nicht alles festhalten, was ich gesehen habe, und erst recht nicht die Gefühle, die ich an diesem Tag empfand. Aber diese Zeichnungen habe ich unmittelbar nach dem Durchzug der Kosaken angefertigt.“

Etwa ein halbes Jahr später erfuhr sie gemeinsam mit ihren Eltern vom Schicksal vieler Kosaken. Viele waren während der Auslieferung ums Leben gekommen, andere wurden in sowjetische Lager verschleppt.

„Ich konnte nicht verstehen“, sagte sie, „warum diesen freundlichen Menschen ein so grausames Schicksal widerfahren musste.“

Später wurde Emma professionelle Künstlerin. Immer wieder versuchte sie, die Szenen jenes Tages auf Leinwand festzuhalten. Doch jedes Mal, wenn sie vor der Staffelei stand, überwältigten sie die Erinnerungen.

„Meine Hände begannen zu zittern, die Tränen liefen mir über das Gesicht, und ich war nicht imstande, auch nur einen einzigen Pinselstrich zu setzen.“

Dann erzählte sie von einer weiteren wichtigen Erfahrung ihres Lebens.

Sie selbst sei damals nicht besonders religiös gewesen. Als sie jedoch hörte, dass im benachbarten Timau eine Kirche errichtet worden war, die eng mit der Erinnerung an die Kosaken verbunden war, beschloss sie, dort an einer Gedenkfeier teilzunehmen.

Es war Ende der vierziger Jahre. Viele Menschen aus der Umgebung waren gekommen. Zahlreiche Anwesende hatten den Durchzug des Kosaken-Stans selbst erlebt, manche hatten mit den Kosaken gesprochen oder ihnen während ihrer Rast geholfen.

Nach dem Gottesdienst blieb die Gemeinde noch lange vor der Kirche versammelt. Man hörte dem Priester zu und anschließend den Menschen, die von den tragischen Ereignissen berichteten, deren Zeugen sie geworden waren.

„Diese Geschichten und die Atmosphäre dieses Tages haben mich tief berührt“, erinnerte sich Emma. „Ich begann immer häufiger nach Timau zu fahren und wurde schließlich Mitglied der Gemeinde. So haben mich die Kosaken zu Gott geführt.“

Als ich ihre Geschichte hörte, wurde mir erneut bewusst, dass Menschen ihren Weg zu Christus durch Mitgefühl, Menschlichkeit und gelebte Nächstenliebe finden – nicht durch Zwang, Dogmen oder Anordnungen von Behörden.

Wenn im Herzen eines Menschen kein Mitgefühl lebt, kann er weder Recht von Unrecht noch Wahrheit von Lüge unterscheiden. Dann wird er leicht von Propaganda, Vorurteilen oder Ängsten gelenkt.

Beten wir heute für die Seelen jener Kosaken, die für ihre Freiheit und ihre Würde unsägliches Leid ertragen mussten. Mögen sie in Frieden ruhen.

P.S. Das Foto zeigt die Zeichnungen, von denen Emma in ihrer Erinnerung berichtet.

Владимир Мелихов

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