Geschichte und Herausforderungen beim Bau der Kosakenkapelle in Lienz
Ein Ort der Erinnerung, der aus Hingabe und Zusammenarbeit entsteht
Geschichte
Die Idee, in Lienz eine Kapelle zum Gedenken an die Kosaken zu errichten, geht auf die 1960er Jahre zurück. Bereits 1970 wurde ein offizieller Antrag an den Stadtrat gestellt. Das Projekt wurde jedoch aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kosakenorganisationen nicht weiterverfolgt. Hinzu kam die Bitte russischer Stellen, von der Errichtung einer Kapelle abzusehen.
In den folgenden Jahrzehnten wurden die ursprünglich gesammelten Gelder vor allem für Kranzniederlegungen und Empfänge im Rahmen von Gedenkveranstaltungen verwendet.
Wiederaufbau
Erst mehr als vierzig Jahre später, Anfang der 2010er-Jahre, erhielt die Idee neuen Auftrieb. Eine Delegation von Donkosaken und Vertretern aus Rostow am Don schlug dem Bürgermeister von Lienz vor, auf dem Gelände des Kosakenfriedhofs eine Kapelle zu errichten. Nach anfänglichen Zusagen gaben die Sponsoren aus Rostow das Projekt jedoch auf, sodass es erneut vom Scheitern bedroht war.
In dieser Situation übernahm der Donkosak Wladimir Melikhow in enger Abstimmung mit dem Bürgermeister von Lienz und dem Österreichischen Schwarzen Kreuz (ÖSK) die Verantwortung für die Organisation eines neuen Kapellenprojekts auf dem Kosakenfriedhof sowie für die Beschaffung der erforderlichen Mittel.
Um kirchliche oder organisatorische Konflikte zu vermeiden, entschied man sich, die Kapelle keiner bestimmten Institution zu überlassen, sondern sie als Gedächtniskirche unter dem Patronat des Österreichischen Schwarzen Kreuzes zu errichten. Sie sollte allen christlichen Konfessionen offenstehen und als gemeinsamer Ort des Gedenkens dienen.
Die Erfahrungen aus den 1970er-Jahren hatten gezeigt, dass ein solches Vorhaben nur dann erfolgreich verwirklicht werden konnte, wenn es von der Kosakengemeinschaft mitgetragen wurde. Vor diesem Hintergrund legten die Verantwortlichen in Lienz bei der Wiederaufnahme des Projekts besonderen Wert auf eine breite Zustimmung und Zusammenarbeit.
Laut den Protokollen und Unterlagen unseres Vereins kontaktierte Herr Pargger, damals Vizebürgermeister von Lienz, im November 2011 Michael Rainer, der zu jener Zeit Vorsitzender unseres Vereins war, um die formelle Zustimmung des Vereins zum Bau der Kapelle einzuholen. Dabei wurde erklärt, dass das Projekt ohne die Zustimmung unseres Vereins nicht umgesetzt werde.
Ein weiteres Protokoll aus dieser Zeit dokumentiert die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Lienz, dem Österreichischen Schwarzen Kreuz (ÖSK) und unserem Verein. Die beteiligten Institutionen kamen überein, dass die historische Aufklärungsarbeit, die Organisation von Ausstellungen und die öffentliche Erinnerung an die Lienzer Kosakentragödie durch den bereits bestehenden Verein koordiniert werden sollten. Damit wurde die zentrale Rolle des Vereins als Träger der Erinnerungsarbeit und wichtiger Ansprechpartner für Gedenkfragen offiziell bekräftigt.
Umsetzung
Nach der Genehmigung der Baupläne begann eine weltweite Spendensammlung unter der Schirmherrschaft der Großen Don Armee im Ausland (VVDZ). Zahlreiche Nachkommen der Kosaken im Exil sowie Unterstützer aus vielen Ländern beteiligten sich an der Finanzierung des Projekts. Beiträge aus Kanada, den Vereinigten Staaten, Australien, Russland und weiteren Ländern machten deutlich, dass die Erinnerung an die Tragödie von Lienz weit über Österreich hinaus lebendig geblieben war.
Die Kapelle wurde aus Holz aus der Ukraine gefertigt und von ukrainischen Handwerkern errichtet, die eigens an der Umsetzung des Projekts mitwirkten. Damit erhielt das Bauwerk nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine besondere Verbindung zu den historischen Heimatgebieten vieler Kosaken.
Im Frühjahr 2015 konnten die Bauarbeiten abgeschlossen werden.
Auf den Schildern steht auf Ukrainisch/Russisch/Deutsch:
Von der Landesgeschäftsstelle Tirol des Osterreichischen Schwarzen Kreuzes wurde im Mai 2015 die Kapelle
„Mutter Gottes Schutz und Hilfe Heiliger Alexej“ zum Gedenken an die Kosakentragödie 1945 errichtet.
Dank gebührt dem Land Tirol. der Stadt Lienz, den Kosaken und Freunden aus aller Herren Länder für die finanzielle Unterstützung.
Hermann Hotter, Landesgeschäftsführer
Einweihung
Aus den vorliegenden Aufzeichnungen geht hervor, dass die neu errichtete Kosakenkapelle am 31. Mai 2015 erstmals kirchlich gesegnet wurde. Im Rahmen eines Besuchs einer ukrainischen Delegation in Lienz nahm Archimandrit Kirion, ein ukrainischer Priester aus Kyiv, nach Zustimmung seines Bischofs die Segnung der Kapelle vor.
Diese erste Segnung erfolgte in einem schlichten und würdigen Rahmen und markierte den Abschluss der Bauarbeiten. In den darauffolgenden Monaten und Jahren fanden weitere Besuche, Gottesdienste, Gebete und Segnungen durch Geistliche verschiedener christlicher Traditionen statt. Dadurch entwickelte sich die Kapelle zu einem gemeinsamen Ort des Gedenkens an die Kosaken und die tragischen Ereignisse des Jahres 1945.
Die vorstehende Darstellung stützt sich auf die vorhandenen Vereinsunterlagen und dient der historischen Dokumentation der Entstehung und Entwicklung der Kosakenkapelle in Lienz.
Archimandrit Kirion aus Kyiv
Nach der ersten kirchlichen Segnung am 31. Mai 2015 wurde die Kapelle am 1. Juni 2015 durch das Österreichische Schwarze Kreuz offiziell und feierlich eingeweiht.
Ehrenpräsident Hermann Hotter (ÖSK) überreichte anschließend symbolisch die „Schlüssel zur Kosakenkapelle“ an Wladimir Melikhow – als Zeichen der Dankbarkeit für seinen entscheidenden Beitrag zu Gestaltung, Organisation und internationaler Finanzierung.
Finanzierung
Von den gesamten Baukosten wurden 79 % im Namen unseres Kosakenvereins gesammelt, davon
• 45 % durch Mitglieder unseres Vereins und
• 34 % durch Spenden aus dem lokalen Umfeld.
Spenden aus dem lokalen Umfeld. Die Gewinnung und Betreuung dieser lokalen Unterstützer erfolgte durch Vertreter unseres Vereins.
- Gesammelt für den Bau der Kapelle 2015: 131.417,40 €
- Erweiterung der Friedhofsmauer 2017 (finanziert von der Amerikanischer Schwesterverein – Koulaieff Stiftung): ca. 39.000 €
- Dachreparatur 2022 (ÖSK): ca. 47.000 €
- Gesamtpreis: ca. 217.500 €
Verantwortlichkeiten beim Bau der Kapelle
Die Errichtung der Kosakenkapelle erfolgte in enger Zusammenarbeit mehrerer Beteiligter mit klar abgegrenzten Aufgaben. Herr Hermann Hotter (ÖSK) trat als Bauherr des Projekts auf. Die architektonische Planung und Gestaltung übernahm Wladimir Melikhow. Die Finanzierung des Bauvorhabens wurde maßgeblich durch den Verein zum Gedenken an die Lienzer Kosakentragödie sowie zahlreiche Unterstützer und Spender ermöglicht. Das Österreichische Schwarze Kreuz blieb als Eigentümer und Träger für die Kapelle und den Kosakenfriedhof verantwortlich.
Religiöse Nutzung und Aufsicht
Das Österreichische Schwarze Kreuz (ÖSK) entschied zunächst, die Kapelle nicht ausschließlich als Ort religiöser Verehrung, sondern vor allem als Gedenkstätte für die Kosaken zu widmen, die am 1. Juni 1945 in Lienz den Tod auf sich nahmen, um einer zwangsweisen Repatriierung zu entgehen.
Deshalb werden alle Gedenk- und Religionsfeiern nur im Einvernehmen mit dem ÖSK und dem Verein zum Gedenken an die Lienzer Kosakentragödie vom 1. Juni 1945 organisiert. Diese Regelung stellt sicher, dass die Kapelle ein Ort der Erinnerung, der Einheit und der Versöhnung bleibt.
Weitere Einzelheiten hierzu finden sich auf der Unterseite „Wem gehört die Kosaken-Kapelle?“.
Spenden und Inventar der Kapelle
Die Ikonen und der Kronleuchter in der Kapelle wurden großzügig von unseren Kosakenmitgliedern gespendet. Diese Gegenstände tragen wesentlich zum Charakter und zur historischen Bedeutung der Kapelle bei.
Unterstützen und mehr erfahren
Wir laden Sie herzlich ein, mehr über die Geschichte und Bedeutung der Kosakenkapelle in Lienz sowie das damit verbundene Vermächtnis zu erfahren. Ihre Unterstützung hilft uns, dieses wichtige Denkmal zu bewahren und unsere Arbeit zum Gedenken an die hier verewigten Personen fortzusetzen.


