Lienz und das Drautal: Ein Ort des Gedenkens

Zum Gedenken an die im Jahr 1945 Getöteten und Vertriebenen

Diese Seite reflektiert die Tragödie von Lienz und dem Drautal und verbindet

historischen Kontext, Erinnerung und Verantwortung in einer umfassenden Perspektive.

Die Tragödie und ihr historischer Kontext

Die Tragödie der Kosaken, deren entscheidende Ereignisse sich in Lienz abspielten, erstreckte sich entlang des Drautals und darüber hinaus und offenbart die komplexen Realitäten von Krieg, Flucht, politischer Verantwortung und Erinnerung.

Die Ereignisse im Mai und Juni 1945 ereigneten sich nicht isoliert. Vielmehr entfalteten sie sich in einem breiteren historischen Zusammenhang, in dem antisowjetische Militäreinheiten – darunter auch Kosakenformationen – sowie zivile Vertriebene zwangsweise an das stalinistische System ausgeliefert wurden. Für die Betroffenen hatten diese Entscheidungen – geprägt von Kriegsallianzen, verschobenen Grenzen und politischen Interessen der Nachkriegszeit – verheerende und nachhaltige Folgen.

Diese Entwicklungen fanden ihren tragischen Höhepunkt in Osttirol und Kärnten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa sammelten sich Einheiten des XV. Kosaken-Kavalleriekorps, der Kazachij Stan mit mehr als 25.000 Menschen – darunter Frauen, Kinder und ältere Personen – sowie weitere russische und kaukasische Gruppen im Drautal. Viele hofften, in der britischen Besatzungszone endlich Sicherheit gefunden zu haben. Stattdessen wurden zwischen dem 28. Mai und dem 7. Juni 1945 Zehntausende gewaltsam an die Sowjetunion ausgeliefert, darunter auch viele, die niemals sowjetische Staatsbürger gewesen waren. Diese Maßnahmen verstießen gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts und führten zu Tod, Lagerhaft und lebenslanger Verfolgung.

Diese historischen Realitäten prägen bis heute, wie die Tragödie erinnert und interpretiert wird.

Erinnerung und öffentliche Wahrnehmung

Heute werden diese Ereignisse noch immer erinnert, wenn auch oft nur in Teilen. Das öffentliche Gedächtnis konzentrierte sich lange vor allem auf das Leiden der ausgelieferten Kosaken, während andere Aspekte der Vergangenheit deutlich weniger Beachtung fanden. Im Laufe der Zeit formten politische Interessen und idealisierte Erzählungen die Darstellung dieser Geschichte und ließen kaum Raum für die Auseinandersetzung mit unbequemen Realitäten – darunter die Beteiligung einzelner Kosakengruppen an Besatzungs- und Partisanenkämpfen, die Rolle lokaler Profiteure sowie die Verantwortung regionaler Behörden bei der raschen Abschiebung der Flüchtlinge.

Lienz als Ort des Gedenkens

Lienz – Standort des Lagers Kazachij Stan – entwickelte sich schrittweise zu einem zentralen Erinnerungsort für Menschen über Grenzen und Generationen hinweg. Seit 1946 finden dort Gedenkveranstaltungen statt, an denen Überlebende, ihre Nachkommen, traditionelle Vereinigungen sowie Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche teilnehmen. Diese Erinnerungskultur war jedoch nie vollständig frei von politischem Einfluss.

Während der Sowjetzeit stand das Moskauer Patriarchat – der staatlich kontrollierte Zweig der Russisch-Orthodoxen Kirche – unter strenger Beobachtung der sowjetischen Behörden, was seine Unabhängigkeit erheblich einschränkte. Dieser staatliche Einfluss, der 1943 bewusst verstärkt wurde, prägte die Möglichkeiten der Kirche zur Mitwirkung am Gedenken. Auch nach 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, blieben einige dieser Einflussformen bestehen.

Mit der Wiedervereinigung der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland mit dem Moskauer Patriarchat im Jahr 2007 gingen wichtige institutionelle Gegengewichte verloren. Seit dem großangelegten Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 ist zunehmend deutlich geworden, dass bestimmte kirchliche Strukturen erneut zur Unterstützung staatlicher Agenden und imperialer Ideologien genutzt werden. Der langjährige Einfluss der Sicherheitsdienste – von der sowjetischen Lubjanka und dem KGB bis zu ihrem postsowjetischen Nachfolger, dem heutigen FSB – prägt weiterhin politische Narrative und die Deutung der Geschichte.

Die Vergangenheit würdigen, für die Zukunft lernen

Das Gedenken an die Tragödie von Lienz darf nicht zu einem leeren Ritual werden. Es verlangt Ehrlichkeit, Unabhängigkeit von politischem oder institutionellem Druck und den Mut, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen. Nur so können Lienz und das Drautal Orte verantwortungsvollen Gedenkens bleiben – die Opfer würdigen, historische Komplexität respektieren und einen sinnvollen Bezug zur Gegenwart und Zukunft herstellen.

Indem wir mit Sorgfalt, Ehrlichkeit und Respekt erinnern, ehren wir nicht nur die Opfer von Lienz und dem Drautal, sondern auch die dauerhafte menschliche Fähigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen und aus ihr zu lernen.

Nachwort

Dieses Projekt spiegelt nicht nur historische Forschung wider, sondern auch eine persönliche Familiengeschichte. Mein Vater gehörte zu den Vertriebenen am Ende des Zweiten Weltkriegs, und meine Kindheit war geprägt von den Folgen der auf dieser Seite beschriebenen Zwangsrückführungen.

Die hier präsentierte Arbeit soll nicht beurteilen oder rechtfertigen, sondern verstehen helfen. Sie basiert auf einer langen und sorgfältigen Auseinandersetzung mit historischen Quellen und den schwierigen Fragen, die entstehen, wenn persönliche Erinnerung und dokumentierte Geschichte aufeinandertreffen.

Anerkennung

Diese Zusammenfassung entstand aus meinen eigenen Überlegungen, angeregt und getragen von der historischen Arbeit unserer Mitglieder Philipp Lehar und Don Ataman Alexei Kelin. Ihre Forschung und ihr Engagement halfen mir, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, die dieses Thema seit Langem begleiten.

Anthony Schlega
Obmann

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