KOSAKEN-TRAGÖDIE in Lienz am 1. Juni 1945
Ein Augenzeugenbericht von Mechtild Wallner, geb. Strieder, aus Zwickenberg
(zusammengestellt von Peter Wallner)
Als im Februar 1945 der Unterricht an der Landwirtschaftlichen Schule in der Peggetz bei Lienz, an dem ich als Schülerin teilnahm, aus Mangel an Lebensmitteln aufgegeben werden musste, erhielt ich die Möglichkeit, bei Schuldirektor Barth als Haushaltshilfe mitzuarbeiten.
Lohnarbeit war zu jener Zeit knapp und zudem konnte ich auf diese Weise meine Familie am elterlichen Bauernhof in Zwickenberg als zusätzlichen Esser entlasten. Auch daheim reichte das Selbsterzeugte gerade, um nicht Hunger zu leiden.
Eine meiner Arbeiten bestand darin, morgens um etwa zwei Uhr mit dem Fahrrad des Direktors nach Lienz zu fahren und mich mit den mitgebrachten Essensmarken beim Bäcker und Metzger um etwas Essbares anzustellen. Meistens standen die Leute bereits in langen Schlangen vor den Geschäften und oft genug strampelte ich mit leerem Korb und ebenso leerem Magen wieder heim. Das Angebot an Kaufbarem in den Geschäften und Märkten der nahen Stadt war zu gering.
Es gab Tage, an denen wir kaum etwas zu essen hatten. Einmal rang ich mich in der Not durch, nach Zwickenberg zu gehen und daheim beim vlg. Witscher meine Mutter um etwas Brot für die wenigen noch in der Schule verbliebenen Leute anzubetteln. Ich wusste keinen anderen Ausweg mehr. Der Direktor erklärte sich einverstanden und lieh mir dazu sein Fahrrad. Früh am Morgen fuhr ich los. Es waren etwa zwanzig Kilometer bis nach Oberdrauburg, wo ich das Rad unterzustellen gedachte, um dann den Zwickenberg zu Fuß zu erklimmen.
Doch bereits bei der Holzbrücke über die Peggetz ereilte mein Unternehmen eine überraschende Wende. Knapp davor überholte mich ein Lastwagen der britischen Besatzer, vollbeladen mit Broten. Während er über die rauen Bohlen der Brücke donnerte, hüpften diese lustig auf der offenen Ladefläche, und ich war überzeugt, dass ich träumte, als eines dieser goldbraunen Kostbarkeiten die Bordwand übersprang und auf der anderen Brückenseite ins Gebüsch kollerte. Mein Herz pochte wie verrückt und meine einzige Sorge galt der Hoffnung, dass niemand diesen Absturz beobachtet hatte. Unverhofft leichte Beute winkte und nur ich wusste, wo sie sich verbarg. Einem Jäger gleich blickte ich mich vorsichtig nach allen Seiten um. Der LKW verschwand ohne abzubremsen in einer gewaltigen Staubwolke. Die unweit der Durchzugsstraße lagernden Kosaken schliefen wohl noch. Ich warf mein Rad ins Gebüsch und schob die Zweige zur Seite. Da lag mein Schatz. Der Himmel hat ihn geschickt. Danke, Herr! Das wird eine Überraschung und ein Festmahl geben. Unbändige Freude überrannte mich. Schnell verschwand die Beute in der Leinentasche und wir beide mit dem Fahrzeug zurück in Richtung Peggetz. Ich wagte nicht, ein Stückchen abzuknabbern, ich wollte es ganz mit den hungrigen Kolleginnen und der Direktorfamilie teilen.
Mein ganzes Leben lang kann ich diese köstlichen Momente nicht vergessen.
Doch es gab auch Zeiten, da ich tatsächlich als Bittstellerin den Zwickenberg erreichte. Jedes Mal durfte ich, ausgestattet mit etwas Brot, Butter oder Korn von meiner Mutter oder auch von meiner tollen Schwester Jule, nach Lienz zurückkehren. Meistens zu Fuß. Überall waren Kosaken und britische Soldaten unterwegs, von Lienz bis Oberdrauburg. Es ist wohl dem jugendlichen Leichtsinn geschuldet, dass ich es trotzdem wagte, alleine unterwegs zu sein. Oder war es, wie mir heute scheint, eher die blanke Not, die meine begründeten Ängste übertrumpfte.
Ich erwähnte bereits etliche Male die Kosaken, die von Anfang Mai bis zum 1. Juni 1945 als unsere Nachbarn um unsere Schule in der Peggetz ihr Hauptlager aufgeschlagen hatten. Zusammen mit denen, die in umliegenden Wäldern und Wiesen von Lienz bis Oberdrauburg lagerten, bestand dieses für mich fremdartige Volk, das sich auf der Flucht vor der sowjetischen Armee befand, aus über 20.000 Männern, Frauen und Kindern. Der Großteil von ihnen Soldaten und Offiziere, die auf der Seite Hitlers gekämpft hatten. Nun befanden sie sich in den Händen der englischen Besatzer, die zumindest das Kärntner und Osttiroler Gebiet beherrschten.
Wie gingen die Kosaken mit der herrschenden Not um? Soweit ich bei kurzen Spaziergängen entlang des großen Lagers in der Peggetz erkennen konnte, bestand keine unmittelbare Hungersnot. Offensichtlich führten die Kosaken in ihren Planwägen neben notwendigstem Hausrat viele Lebensmittel in Form von Korn und Getrocknetem mit sich. Auch kauften sie von den Bauern in der Umgebung Fleisch und wohl auch Gemüse und Kartoffeln. Damit kochten die Frauen in bauchigen Töpfen, die über Feuerstellen vor den Planwagen an Ketten von Dreibeinen hingen, würzige, duftende Suppen und eintopfartige Gerichte.
Es war an der Tagesordnung, dass wir gastfreundlich und offenherzig zum Essen eingeladen wurden, wir aber aus purer Dummheit und heimlicher Angst vor dem Unbekannten nie zusagten.
Die Kosaken führten viele Pferde mit sich – an die fünftausend, wie ich erfahren habe. Zum Unmut der Bauern fraßen sie den Talboden kahl. Immer wieder tauschten sie die Tiere bei den Bauern gegen Essbares oder Gerätschaften für das tägliche Überleben ein. Nach dem Abtransport der Kosaken blieben die meisten Pferde zurück, und ich erinnere mich, dass auch manche Zwickenberger Bauern loszogen, um die nun besitzlosen Pferde einzufangen und ihren Ställen zuzuführen.
Es war Vormittag gegen zehn Uhr, 1. Juni 1945. Die Sonne schien warm über das Lienzer Tal und ließ einen guten Tag erwarten.
Ich hatte in der Küche im Haushalt des Direktors zu tun und hörte, wie ein Zug langsam an unserem Haus vorbeifuhr, dann kreischten Metall auf Metall und der Zug hielt. Es war still. Ich lief zum Fenster und blickte direkt auf den Zug, der nur wenige Meter vor unserem Haus in der Sonne stand. Wie eine schleichende Katze vor dem Sprung kam er mir vor.
Soldaten stapften bedächtig am Bahnschotter auf und ab, begannen die Schiebetüren zu öffnen. Es waren Viehwaggons. Erst jetzt sah ich, dass viele Soldaten weit verstreut standen, Gewehre in den Händen.
Plötzlich veränderte sich die Stille, nachdem Befehle kreuz und quer wie Gewehrsalven durch die Luft peitschten. Sie waren mir unverständlich, bewirkten aber, dass sich Rumoren, Geschrei, Klappern von Geschirr, Fluchen und hysterisches Weinen über das Tal ausbreiteten, das immer lauter wurde, näher kam, und bald sah ich von meinem Fenster aus, wie Soldaten sich widersetzende junge Männer in Richtung Zug prügelten und zerrten. Sie wehrten sich mit allen Kräften – vergeblich.
Die britischen Soldaten trieben wohl alle Kosaken, derer sie im Lager habhaft werden konnten, zusammen und drängten sie gewaltsam in Richtung des wartenden Zuges, vor dem ein verzweifelter Kampf gegen das Einsteigen entbrannte. Mit Entsetzen wohnte ich der Tragödie aus allernächster Nähe bei, als Soldaten unter Anwendung von Tritten, Schimpfen und Fluchen, Schlägen und wuchtigen beidhändig geführten Gewehrkolbenstößen versuchten, wehrlose Kosaken allen Alters, die jetzt einer wild gewordenen Viehherde glichen, in die offenen Waggontüren zu treiben. Die durchdringenden Schmerzens- und Angstschreie von Männern und Frauen, von Kindern, der grausame Anblick des ungleichen Ringens mit den Soldaten vor dem Zug, die blutenden, geschundenen Körper vieler Kosaken begleiten mich bis heute. Ich kann diese Unmenschlichkeit, die gesehene Rohheit der Soldaten, diese hoffnungslosen Blicke vieler Kosaken nicht vergessen. Natürlich, die Soldaten taten ihre Pflicht und machten sich womöglich keinerlei Gedanken über die Folgen ihres Tuns.
Ich sah Frauen mit Kleinkindern am Arm in Richtung Draufluss, der vielleicht 200 Meter von unserer Schule vorbeifloss, laufen und zwischen den Bäumen verschwinden. Man sagte, dass viele in die gerade Hochwasser führende Drau sprangen. Einige erhängten und erschossen sich. Eine ältere Kosakin mit einem großen grauen Kopftuch, unter dem lange Haare zottig hervorquollen und in ihr Gesicht fielen, hatte mich erblickt, sprang aus dem Zug, torkelte ausholend in meine Richtung, den mich fixierenden Blick von Zorn verzerrt. Soldaten fingen sie ab, doch die Frau fäustelte mir, außer sich vor Wut und schreiend, irgendetwas zu, was ich nicht verstand. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, was sie mir sagen wollte. Ein Fluch? Diese Szene fuhr mir in alle Knochen; ich sehe die Frau heute noch vor mir.
Die Lage der Kosaken war hoffnungslos. Wenn sie bis zu jenem 1. Juni insgeheim immer noch hofften, sie könnten in Oberkärnten und Osttirol siedeln, wie es ihnen von Hitler zugesagt wurde, erkannten sie nun endgültig die Täuschung. Ihre Träume von einem Ende des Herumziehens, von Frieden, Freiheit, Geborgenheit, von Respektiertwerden und von satten Mägen erplatzten vor diesem Zug. Die Erkenntnis veranlasste viele zu einem letzten Fluchtversuch, der oft nur von Schüssen der britischen Soldaten gestoppt werden konnte, zu Sprüngen in die Drau, Selbstmord oder zu furiosen Angriffen auf die Besatzer – beinah jede dieser Aktionen endete tödlich. Nur wenigen gelang die Flucht in die umliegenden Berge oder zu mitleidigen und mutigen Bewohnern der Umgebung, die sie versteckten, die Kinder später adoptierten.
Der Großteil der Kosaken, so schien mir, versank nach einem letzten heftigen Aufbäumen in Form von Schreien, Klagen, hemmungslosem Weinen oder sich die Haare raufend schließlich in Teilnahmslosigkeit. Die Gesichter und besonders die Augen vieler erschienen mir starr, wie tot. Sie wussten wohl, was ihr Schicksal sein würde. Die ihnen angetane Rechtlosigkeit gipfelte nun im Wortbruch der Engländer, die ihnen versprochen hatten, sie nicht den Russen auszuliefern.
Im Laufe des Nachmittags – ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Zeitpunkt, nur daran, dass es noch nicht Abend war – fuhr der Zug mit den eingesammelten Kosaken ab. In Richtung Judenburg, wie ich später erfuhr, wo sie wie vereinbart den Russen übergeben wurden, die sie in Lager jenseits des Urals brachten. Davor hatten sie wohl am meisten Angst. Eine späte Rache Stalins, begründet in der Tatsache, dass die Kosaken auf der Seite Hitlers gegen Russland kämpften.
So wurde ich unbeabsichtigt Zeuge der großen Tragödie eines ehrbaren Volkes, das nichts anderes als Land zum Leben suchte, aber unglücklicherweise zwischen die Mühlsteine großpolitischer Vereinbarungen gelangte und aufgerieben wurde.
Einige Male bereits konnte ich den orthodoxen Gottesdiensten am Kosakenfriedhof in der Peggetz, unmittelbar am Drauufer gelegen, beiwohnen. Sie finden alljährlich um den 1. Juni statt. Besonders beeindruckend sind immer die wunderschönen, leicht schwermütigen, aber sehr harmonisch klingenden Lieder des Kosakenchores. Meine Blicke schweifen dann immer zu den älteren Besuchern und ich überlege mir, ob sie wohl die Tragödie vor fast 60 Jahren an dieser Stelle selbst miterlebten und überlebten oder ob sie nur Angehörige Deportierter oder Ermordeter sind.