Die Kosaken

Herkunft – Leben – Untergang
Die Tragödie von Lienz am 1. Juni 1945
Der Friedhof

Ausschnitte aus Journal und „Zeitung“
Eine Dokumentation

von

Emil Winkler
Bürgermeister der Stadt Lienz
1938–1945

1940

Einleitung

Der Friedhof der Kosaken in der Peggetz bei Lienz

Am 1. Juni 1945 ereignete sich in der Peggetz bei Lienz aus Anlaß der Auslieferung der Kosaken an die Sowjets eine unerhörte Tragödie, die in die Geschichte unserer Stadt längst eingegangen ist.
Am Orte dieser Tragödie, der die Opfer dieses denkwürdigen Tages birgt, liegt ein kleiner, von sorgender Hand gut gepflegter Friedhof. Viele Jahre hindurch wurden hier die Gedenkgottesdienste in voller Eintracht abgehalten. Von weit und breit kamen die Kosaken herbei, um ihren toten Kampfgefährten die Ehre zu erweisen und ihrer in Gebete zu gedenken.
Doch plötzlich wurde diese Eintracht gestört. Vor etwa vier Jahren kam eine Abordnung von Kosaken, mit einem hohen Würdenträger der orthodoxen Kirche (ein Archimandrit aus Abt) zu mir mit der Bitte, ihnen bei der Errichtung einer Kapelle am Kosakenfriedhof behilflich zu sein. Mit Rücksicht auf deren karitativen Charakter habe ich zugesagt.

Bald mußte ich aber erkennen, daß sich mit diesem Plan des Kapellenbaues unter den Kosaken eine schier unüberbrückbare Kluft auftat. Es bildete sich auch bald eine große Gegnerschaft gegen diesen Bau, deren Ausläufer sich bis in die USA erstreckten. Es kam zu erhitzten Polemiken, in denen sich die beiden Gruppen gegenseitig angriffen und versuchten, einander bei den Behörden in Mißkredit zu bringen. Ja, die Differenzen gingen so weit, daß man über ihre Herkunft unter sich selbst nicht mehr einig war: Die einen behaupteten, die Kosaken seien gar keine Russen, sondern ein eigener Volkstamm, während die anderen sich unüberbrücklich zum Volke der Russen bekannten, als treue Soldaten S.M. des Zaren.
So war dieses Tauziehen um den Kapellenbau große Wogen, die die Gemüter der Kosaken in der ganzen Welt bewegten. Der Bürgermeister der Stadt Lienz wurde von allen Seiten bestürmt und beschriftet, mit Briefen, mit Abhängungen von Dokumenten überhaupt. Der Akt entsprach offenbar auch diesen Behörden nicht, ist kaum mehr zu übersehen. Der Bürgermeister sah sich daher genötigt, die Angelegenheit „Kosakenkapelle“ einem eigenen Referenten zu übergeben.
Zwischen diesen beiden Gruppen stand nun aber ich. Heute von der einen gelobt, morgen getadelt, ärgerlich, um nicht zu sagen: verflucht. Übermorgen galt ich als gleicher von den anderen. Und dabei hatte ich doch die beste Absicht. Wie Angelegenheit war irgendwie brauchbarer, für alle Teile angebracht gewesen, zu bereinigen. Es war unerquicklich. Die Fronten hatten sich schon allzu sehr versteift. Da die Stadt Lienz wegen der zähen Differenzen, wegen der geteilten Meinungen, noch nicht entscheiden wollte, wandte man sich nach Innsbruck an die Landesregierung, nach Wien an das Bundesministerium für Inneres – wie oft war ich doch selbst bei Frau Fachinspektor Albrecht (Abteilung Kriegsgräberfürsorge) in Innsbruck, ja sogar persönlich bei der zuständigen Stelle des Innenministeriums in Wien.
So kamen die Akten eines Tages wieder nach Lienz, zur Stadtgemeinde, mit der Weisung des Innenministeriums, da dieses nicht zuständig ist, möge die Stadt selbst entscheiden. So hat nun der Stadtrat ein salomonisches Urteil gefällt:

„Der Friedhof muß bleiben, wie er ist!“
Mir kam dieser Spruch sehr zustatten, denn schon drohte mir, zwischen zwei Mühlsteinen zermahlen zu werden. Immerhin hat diese ganze Beschäftigung, die mich selbst oft ganze Tage hindurch in Atem hielt, mich tagelang mit Übersetzungen beseitigt, ein Gutes: Ich habe meine Russisch-Kenntnisse bedeutend erweitern können. (Anmerkung: Emil Winkler war in Ersten Weltkrieg in Russischer Gefangenschaft).
Seit Jahren werden nun die Gottesdienste am Kosakenfriedhof in der Peggetz getrennt abgehalten – auch an verschiedenen Tagen. (Anmerkung: Unser Verein – eine Woche später).
Es liegt nicht an uns zu urteilen, welche von den beiden Gruppen nun die berufene ist. Ein Hörer wird die inbrünstigen und aufrichtigen Gebete beider Teile erhören.
„Für Gott sind alle Menschen gleich! Alle sollen Brüder sein!“
Ungefähr 25 km östlich von Lienz, bei Irschen, steht ein wohlgehütetes Denkmal mit folgender Inschrift:
Am 28. Mai 1945 wurden hier 7.000 Kaukasier den Sowjets ausgeliefert als Opfer für ihre Treue zum Islam und der Idee der nationalen Befreiung des Kaukasus.

Erbaut von der Rel. Gem. Islam, München

STADTAMT LIENZ, OSTTIROL
–  H a u p t v e r w a l t u n g  –

9900 LIENZ, am 15.12.1970
Dr. B/HG 9223

Ergeht an:

1. Herrn Emil Winner
Werkenerstraße 2
9900 LIENZ

2. Griechisch-Orientalischer
(Orthodoxer Beistverein)
Bayernsstraße 3/1
A-5020 SALZBURG

3. Konstantin SCHUROPATSKIJ
Vertreter d. Atamans d. Kubankosaken 
in Österreich
Neutorstraße 38
5020 SALZBURG

4. Schutzverband der Kosaken e.V. 
in Deutschland
D-8 MÜNCHEN 25
Postfach 235

5. Waffenring
 Kleinrussiger-Kavallerie-
Schnelle Truppen e.V.
Lilienthalerstraße 5
D-8042 OBERSCHLEISSHEIM

6. Russian Corps
 Combatants, Inc.
349 West 46th St.
NEW YORK, 10024
U.S.A.

7. Kusma KOSTROMIN
Bürgerstraße 7/I
9900 LIENZ

8. Cossack-American
 Citizens Committee
1095 Grand Central
NEW YORK, 10017
U.S.A.

9. Österr. Schwarzes Kreuz
Kriegsgräberfürsorge
Haydnplatz 7
6020 INNSBRUCK

10. Verbandsachverband der Kosaken
Verbands-Stellvertreter
 d. XV. Kosaken-Kavalleriekorps
D-8 MÜNCHEN 50
Oplasterstraße 5

11. Église Orthodoxe Russe
à l’étranger
1206 GENÈVE
3, rue Toepffer
Schweiz

12. Hochw. Orth.
Archimandrit Johannes PETERPALY
Engadinerstr. 20
D-8 MÜNCHEN 71

13. The Cossack National
 Press Association, Inc.
S.A. Moskowi, Chairman
10122 Cuzman Avenue
Cleveland, Ohio 44111
U.S.A.

14. Herrn Notar
Dr. Herbert Rohracher
Zwergergasse 1
9900 Lienz

Betrifft: Bau einer Gedächtniskapelle auf dem Kosakenfriedhof in Lienz/Peggetz

Der Gemeinderat der Stadtgemeinde Lienz hat in seiner Sitzung vom 7.12.1970 beschlossen, die mit Gemeinderatsbeschluß vom 15.6.1970 erteilte Zusage zur Bereitstellung einer Grundfläche von ca. 40 m² für den Bau einer Gedächtniskapelle auf dem Kosakenfriedhof in Lienz/Peggetz zurückzuziehen.
Dies deshalb, weil die Auseinandersetzungen um den Bau der Kapelle Formen angenommen haben, die künftige Störungen und Beeinträchtigungen des dem Friedhofe zustehenden Friedens befürchten lassen.

Die Stadtgemeinde Lienz hat sich seit den traurigen Ereignissen des Jahres 1945 stets bemüht, das Andenken der verstorbenen Kosaken zu wahren und würde einer würdigen Ausgestaltung des Friedhofes die Erinnerung an die Opfer der Vorgänge jener Wochen aufrechterhalten, niemals im Wege stehen.
Angesichts der immer wiederholten Auseinandersetzungen und Aktionen, die im Zusammenhang mit dem Kosakenfriedhof entstanden sind und dadurch, daß anläßlich von Kommemorationsfeiern und
Begräbnissen eine Störung des Friedhofsfriedens eingetreten ist und die Behörde von einer Unruhe in der Bevölkerung berichtet hat, mußte sich der Gemeinderat zu dem ob­gelieferten Schritt entschließen.

Der Bürgermeister:
(i.V.) [Unterschrift] 

Die Kosakengemeinschaften

Die Tragödie der Kosaken am 1. Juni 1945 in der Peggetz bei Lienz hat längst die Geschichte unserer Stadt um ein trauriges Kapitel vermehrt.

Als Kenner der russischen Verhältnisse, durch meine sechsjährige sibirische Gefangenschaft (1914–1920), durch die Beherrschung der russischen Sprache in Wort und Schrift, bin ich immer wieder über die Kosaken um Auskunft gefragt worden, über deren Herkunft, deren Geschichte, deren Verhältnisse zum russischen Staat und zum Zaren etc., und ich glaubte, aus meiner Erfahrung darüber erschöpfende Auskunft geben zu können.

Im Verlaufe der Jahre haben sich in der Emigration unter diesen, der durch Stalin geforderten Auslieferung entgangenen Kosaken – sie sind heute in aller Welt zerstreut – Gruppen abgespalten, die sich ihre eigene geschichtliche Version geprägt haben.

Es würde zu weit führen, die Beweggründe dieser Spaltungen zu untersuchen. Uns liegt vielmehr nahe, der wahren geschichtlichen Tradition – ohne jede Animosität der einen oder anderen Gruppe gegenüber – nachzugehen.
Nun finde ich in dem großen Geschichtswerk „Die Slawen“ (Von Völkern zu Nationen) von Roger Portal (Original in französischer Sprache, Deutsche Ausgabe 1971) Kindler Verlag, München, eine Abhandlung über die Kosaken, die ich mit freundlicher Genehmigung des Verlages zitiere:

 

Die Kosakengemeinschaften

In die südlichen Grenzgebiete des Moskauerstaates, in die unmittelbare Nähe der Turkvölker der Steppe, in jene Randzone, die man das „dikoe pole“ (das wilde Feld) nannte und über das kein Staat bisher längere Zeit wirksame Macht gewonnen hatte, waren im Verlaufe der Jahrhunderte Flüchtlinge und Siedler eingesickert, „outlaws“, und hatten bewaffnete Banden gebildet, die sich allmählich zu „Kosakengemeinschaften“ entwickelten.Das Wort „Kosak“ erscheint im 13. Jahrhundert für die Polowzier, die von den genuesischen Handelsstädten auf der Krim als Grenztruppen verwendet wurden; es taucht im 15. Jahrhundert wieder auf in einem allgemeineren und weniger eindeutigen Sinn. Jetzt bezeichnete es sowohl die türkischen Söldner, die die russischen Fürsten gegen die Überfälle der Steppenvölker einsetzten, als auch jene unstete Grenzbevölkerung, die sicherlich ursprünglich halb türkisch, halb slawisch war, die aber bald russifiziert wurde. Dies bewirkte den Zustrom von flüchtigen Bauern, die in jenen umstrittenen Landstrichen Freiheit und eine Existenz suchten. Die Kosaken sahen sich in der Folgezeit gezwungen, sich in militärische Einheiten zu organisieren, die zwar Ackerbau betrieben, aber sich außerdem von einer Mischung aus Handel und Freibeuterei ernährten. Sie kontrollierten den Karawanenverkehr zu Land und auf den Flüssen, jenen Verkehr, der unter großen Risiken das Schwarze Meer, die von den Tataren beherrschte Steppe und die Fürstentümer Zentralrusslands verband, und sie verkauften ihre Dienste und ihre Unterstützung den Meistbietenden.

Allmählich gerieten sie vom 16. Jahrhundert ab jedoch aufgrund der Glaubens- und auch Interessengemeinschaft in den Bannkreis Moskaus, nicht zuletzt auch unter dem Druck der Moskauer Regierung. Die Donkosaken hatten schon sehr früh einen Verteidigungsgürtel gegen die Tataren errichtet und waren darin von der russischen Regierung unterstützt worden. Die ukrainischen Kosaken, die teilweise zum polnisch-litauischen und teilweise zum Moskowiterstaat gehörten, verdankten ihrer geografischen Lage eine dauerhafte Freiheit. Ihr südlicher Zweig, am Dnjepr, baute jene merkwürdige Gesellschaft der sogenannten „Saporoger Kosaken“ auf, eine Art Soldatenrepublik, die in den Kämpfen zwischen Polen, Russland und dem Osmanischen Reich eine sehr aktive Rolle spielen sollte. Sie rebellierte gegen jede Autorität, wurde aber von ihren Führern mehr und mehr für die russische Sache gewonnen. Erst unter Katharina II wurden die Saporiger 1775 zerschlagen und versprengt und verschwanden von der Bildfläche, zu der Zeit, als die Russen sich endgültig an der Schwarzmeerküste festsetzten (Vertrag von Kutschük Kainardschi 1774).

Die intensive Kolonisation der südlichen Steppe machte nun jene eigentümliche militärische Gemeinschaft überflüssig und führte zu einem Anarchismus. Aus demselben Grund verschwanden im 18. Jahrhundert auch die anderen Kosakengemeinschaften der Ukraine, die unter Alexej Michailowitsch wieder Russland einverleibt worden war. Die „Sitsch“ der Saporoger blieb aber doch der geschichtlich beglaubigte Archetypus einer Kosakengemeinschaft; von ihr ging ein halb realer, halb legendärer Mythus aus, in dem das Kosakentum als eine freie und demokratische Gemeinschaft erscheint: als Hort höchster Tapferkeit, Verteidiger des orthodoxen Glaubens gegen den Halbmond und ein starkes Bollwerk des Slawentums gegen die Nomaden der Steppe.

Das Kosakentum bestand jedoch weiter bis zur Revolution von 1917. Seine Gemeinschaften gingen in den Dienst des russischen Staates über, und mit der Entfaltung des Reiches wurden sie überall zu Werkzeugen seiner Expansion nach Süden und Osten und zur kaukasischen und asiatischen Grenzwacht. Aus den ukrainischen und Donkosaken nahm man die Kommandos, die von den Stroganows vom Ural aus losgeschickt wurden und unter Jermak Westsibirien in Besitz nahmen. Kosaken waren es, die die Grenzen der russischen Macht bis zum Stillen Ozean vorwärtstrugen, und Deschnew, der als erster die Beringstraße erblickte, war ein Kosak.

Die russische Regierung, die seit dem 17. Jahrhundert ihre Herrschaft in den südlichen Grenzmarken jenseits des Don am Kuban, Terek und Jaik befestigt hatte, machte aus jenen unbändigen Söldnern treue Soldaten des Zaren. Nach dem Modell der bereits existierenden Gemeinschaften, die umgestaltet, neu zusammengestellt oder umgesiedelt wurden, schuf man zu Ende des 19. Jahrhunderts durch Verpflanzung von Kosaken und „Kosakierung“ des östlichen Landvolkes neue Gemeinschaften längs der asiatischen Grenze.

1914 gab es 11 Kosakenarmeen („vojsko“), die nach Dörfern („stanica“) eingeteilt waren: die vom Don, vom Kuban, Terek, Ural, Sibirien, Astrachan, Orenburg, Transbaikalien, Semiretschensk, Amur und Ussuri, zu denen noch drei Regimenter städtischer Kosaken hinzukamen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Kosaken an den großen Bauernaufständen teilgenommen, die den Zarenthron ins Wanken brachten und weite Gebiete Südrusslands in Brand setzten; sie lieferten den führerlosen Bauern die militärischen Chefs: Bolotnikow, Stenka Rasin, Bulawin und Pugatschow. Jetzt wurden sie endgültig in das staatliche System eingegliedert und wurden schließlich die treue Stütze der Regierung. Als sicherstes Element der Armee stellten sie die Stoßtrupps für besondere Einsätze und waren an den großen militärischen Aktionen beteiligt; aber diese stolzen, wilden Reiter in der „papacha“, der schwarzen Lammfellmütze, gefürchtet und bewundert, bewiesen ihre absolute Treue auch bei politischen Unruhen, die Hiebe ihrer „nagajka“ trieben jede Arbeiter- oder Bauernansammlung auseinander.

In ihrer traditionellen Erscheinung wurden die Kosaken zum beliebten Sujet für Romanciers wie Gogol in seinem berühmten „Taras Bulba“ von 1837 oder für Maler wie Repin („Der Brief der Saporoger Kosaken an den Sultan“, 1891; dieser Brief war durch ein gefälschtes Dokument angeregt worden und führte zum polnisch-türkischen Krieg von 1677/78).

Innerhalb des russischen Volksganzen bildeten die Kosaken eigenständige und bevorrechtete Gemeinschaften, und ihre Rolle kann nicht nach ihrer relativ geringen Anzahl bemessen werden. Immerhin zahlte das „vojsko“ am Don, das wichtigste von allen, das auf einem Territorium von etwa 160.000 Quadratkilometern (1914) lebte – es umfasste das Gebiet des Donez und des mittleren unteren Don – 1.750.000 Seelen, d.h. 43 Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung. Es konnte 200.000 Mann für den Kriegsdienst stellen, fast 3 Millionen Hektar Ackerland waren ihm zu vollem Eigentum zugewiesen, es besaß unermeßliche Herden von Pferden, Rindern und Schafen und das ausschließliche Fischereirecht an den Ufern des Don und in der Asowschen Bucht und war von allen Steuern im Weinhandel und im Warenverkehr befreit.

Die Tätigkeit dieser Kosakenbevölkerung erstreckte sich jetzt nur noch zum geringen Teil auf militärische Aufgaben. Ihr Land war fruchtbar, reich an Bodenschätzen (die Donez-Kohle), hatte Zugang zu den Häfen des Asowschen Meeres und nahm teil an der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung; zahlreiche Schulen und technische Institute bildeten Ingenieure, Ärzte, Architekten, Lehrer und Wissenschaftler heran. Immer noch aber vereinigten sich hier die Erinnerungen an die Vergangenheit, die hochgehaltene Tradition, die anerkannten Privilegien und eine besondere Mentalität, um ein ganz eigentümliches Kollektiv zu schaffen, das durch ein Gefühl moralischer Einheit verbunden war – in kleinen zeigte es im Übrigen einen Gesellschaftsaufbau, der dem des russischen Gesamtvolkes genau entsprach.

Die anderen Kosaken – „vojsko“ – waren zahlenmäßig nicht ganz so bedeutend, verkörperten aber genauso ein Element der Variationen in der bäuerlichen Grenzbevölkerung. Es konnte auch ein Element des Überganges auf ethnischem Gebiet sein, denn im Norden des Kaukasus wie auch in Sibirien gab es tatarisches, tschetschenisches und burjatisches Blut unter den Kosaken; ihre Tracht war stark von der einheimischen beeinflusst, bisweilen war auch ihre Sprache durch die örtlichen Dialekte gefärbt. Auch die Eingeborenen stellten gelegentlich „Kosaken“-Einheiten auf, und auf mehreren Standorten des Terek-„vojsko“ wehte der Halbmond. Die Einigkeit war begründet durch den Dienst und Gehorsam für den Zaren. Alle Kosakenarmeen hatten reiche Landbesitze und Weidegründe, alle genossen große Privilegien.

Die viehzüchtenden Kuban-Kosaken, die größte Gruppe nach den Donkosaken, verpachteten ihren Boden gewinnbringend an Erdölgesellschaften und beuteten ihre Salzsümpfe aus. Die Uralkosaken hatten das Monopol auf die Storfischerei längs dem Uralfluss und seinen Zuflüssen, die transbaikalischen das des Holzverkaufs an die sibirischen Goldbergwerke. Die Kosaken bildeten insgesamt einen wohlhabenden Bauernstand, der dem Zarenregime stark verbunden war und 1917 im Bürgerkrieg die konterrevolutionäre Partei ergriff.

Ich danke an dieser Stelle dem Kindler-Verlag für die Bereitwilligkeit, mir die Wiedergabe des Artikels „Die Kosakengemeinschaften“ aus dem großen Werk seiner Kulturgeschichte „Die Slaven“ zu gestatten.

Allen, die sich für die Geschichte Russlands von der ostslavischen Landnahme (7. und 8. Jh.) bis in die Gegenwart interessieren, kann dieses ausführliche Werk (805 Seiten) bestens empfohlen werden.

Emil Winkler
Lienz, Dezember 1971

Der Untergang eines ruhmreichen Volkes

Von Emil Winkler

In der Nähe von Lienz liegt ein einsamer, von liebevoller Hand gepflegter Friedhof. Er birgt die ungezählten Opfer einer Tragödie, die sich anlässlich der Auslieferung der Kosaken durch die Engländer an die Sowjets hier abspielte. Vielleicht gar nicht bekannt, oder aber längst schon vergessen, wollen wir uns diese erschütternden Tage noch einmal in Erinnerung rufen. Lassen wir jedoch den Chronisten sprechen:

Unter der Führung des britischen Generals R.M. Arbuthnot kam die 78. britische Division nach Osttirol. Die 36. Brigade dieser Division kommandierte Brigadier Geoffrey Mason. Dieser Brigade gehörte das 8. Argyll-Sutherland schottische Bataillon mit Kommandeur A.D. Malcolm an. Als Verbindungsoffizier zum „Kosakenstan“ wurde Major W.R. Davis eingesetzt. Der sogenannte „Kosakenstan“, der aus Italien nach Osttirol kam, quartierte sich im Drautal, zwischen Lienz und Spittal, ein. Es waren hier neun kämpfende Regimenter, eine Offizierschule, 40.000 Flüchtlinge, insgesamt zirka 100.000 Menschen. Das 5. Ersatzregiment blieb in Gemona in Italien; bei Partisanenkämpfen wurde es halbiert. Kleine kosakische Einheiten, die in Italien geblieben sind, wurden in die sogenannte Kolonne Oberst Wagner aufgenommen; zirka 2.800 Mann wurden an Tito ausgeliefert und bei Ljubljana in einem Wald erschossen.

Ungefähr 10.000 Kosaken, die in der Normandie von den westlichen Alliierten gefangengenommen wurden, fuhren über England nach Archangelsk (Kaliningrad) und wurden an Ort und Stelle erschossen.

Nun aber wieder zum Verbindungsoffizier Davis. In Lienz, dem Zentrum der Kosakestans, entwickelte sich eine fieberhafte Tätigkeit. Von höherer Stelle wurde selbstverständlich versichert, dass alle Kosaken in englische Kolonien in den Dienst der Alliierten treten werden; auf keinem Fall wurden sie den Bolschewisten ausgeliefert. Unter dem Vorwand, dass die Kosaken für diesen Dienst bei den Alliierten bessere, modernere Waffen benötigen, wurden ihnen die vorhandenen Waffen abgenommen. Die tägliche Ration, die sorgfältig an alle verteilt wurde, bestand aus 400 g Brot, 120 g Fleisch und 110 g Zucker; es wurden auch Schokolade, Kaffee, Tee usw. verteilt. Neue Ausrüstungen wurden ausgegeben. Ins Lager Peggetz kam ein großer Transport Ziegelsteine – für je fünf Kosaken sollte ein einfacher Ofen gebaut werden.

Es wurden Namenslisten zusammengestellt, in die sich alle Schauspieler, Musikanten und Künstler eintragen sollten, da sofort ein Kosakentheater gegründet werden sollte. Ebenso wurde eine Liste von Journalisten und Schriftstellern aufgestellt, denn schon am nächsten Tag sollte eine Kosakenzeitschrift herausgegeben werden. Und schließlich wurden alle Kosakenoffiziere zu einer Konferenz mit General Alexander eingeladen, wobei über den Einsatz in den englischen Kolonien gesprochen werden sollte. Es waren 2.756 Offiziere, darunter 35 Generäle, 167 Oberste usw.

Am 28. Mai 1945 nahmen 2.201 kosakische Offiziere, die auf britischen Wunsch in Paradeuniform und mit allen Abzeichen erschienen waren, Platz in bequemen Autobussen, die je nur mit einem Fahrer besetzt waren. Ungefähr 500 Offiziere schöpften Verdacht und entflohen in die Berge. Der ganze Transport setzte sich in Bewegung. Es geschah dasselbe, wie schon beim 15. Kavalleriekorps. Beim Fassieren eines Waldes wurden sie von 25 Panzern mit 70 Mann Besatzung, 140 Soldaten mit Maschinengewehren, 175 Motorrädern mit 210 Mann Besatzung eingekreist. 70 Mann mit Maschinenpistolen verteilten sich auf die Dächer der Omnibusse. Vor und hinter der Kolonne standen je ein Lastwagen mit je 30 Mann mit Maschinengewehren. Hinter der Kolonne fuhren zwei Lastwagen mit Tränengasausrüstung. Zwei Düsenflugmaschinen begleiteten die Kolonne. Außerdem erschienen Vertreter der alliierten Streitmacht mit Adjutanten und Dolmetschern, etwa 15 Mann. Die Bewachungsmannschaft verfügte über 580 Mann, 15 leichte Geschütze, 125 Maschinengewehre und 310 Maschinenpistolen. So bewacht kam die Kolonne nach Spittal, in ein mit Drahtzaun und Wachtürmen versehenes Lager.

Endlich waren die „Spezialtruppen der deutschen SS und Spezialtruppen der deutschen Partisanen, Deserteure der Roten Armee und Vaterlandsverräter“ hinter Schloss und Riegel. (So nannte Stalin die Kosaken auf der Jalta-Konferenz und so wurden sie auch am 23. Mai 1945 in Anwesenheit von General Alexander bezeichnet.)

Es wurde den Offizieren mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag an die Russen als sowjetische Bürger ausgeliefert würden. Da unter den Offizieren nur 35% sowjetische Staatsangehörige waren und die übrigen „alten Emigranten“ zeigten sie dem anwesenden britischen Offizier, Oberst Malcolm, ihre Papiere und verlangten die sofortige Freilassung. „Zeigen Sie diese Papiere dem Stalin“, sagte er.

In diesem Lager haben sich sieben Offiziere das Leben genommen. Ihre Namen sind bekannt. Zwölf Offiziere, die durch den Stacheldraht entkommen wollten, wurden erschossen. Andere durchschnitten sich die Pulsadern; sie wurden abtransportiert – man hat nie mehr etwas von ihnen gehört.

Am nächsten Morgen kamen zu dem Lager Panzer und Lastwagen; die Offiziere wurden aufgefordert, in den Lastwagen Platz zu nehmen. Sie weigerten sich. Mit speziellen Schlagstöcken bewaffnet, gingen die britischen Soldaten auf die unbewaffneten kosakischen Offiziere los. Der 80-jährige Donkosaken-Ataman und Schriftsteller, General Krasnow, wurde zu Boden geschlagen; General Schkuro, der 1919 mit besonders hohen englischen Orden für seine Tapferkeit ausgezeichnet wurde, warf seine Orden den englischen Soldaten vor die Füße und rief: „Statt von diesem Gesindel geschlagen zu werden, gehen wir lieber in den Tod!“ und nahm als erster auf dem bereitstehenden Lastwagen Platz.

So kamen sie nach Judenburg. 350 wurden sofort aufgerufen – sie verschwanden spurlos. Oberstleutnant Kraus, Adjutant des Generals von Pannwitz, versuchte aufzulichten, wurde aber gefangen. Nachdem alle Kosakenoffiziere zusammengerufen wurden, kamen drei mit …

Maschinenpistolen bewaffnete sowjetische Soldaten stellten Oberstleutnant Kraus an die Wand und gaben eine Salve ab. „Es lebe das Kosakentum!“ gelang es ihm noch zu rufen.

Über Graz, Wien, Budapest, Ploesti, Vokschanz, Kiew, Brjansk, Moskau, Swerdlowsk, Nowosibirsk, Prokopjewsk und Kemerowo führte der Weg nach Sibirien. Etwa 10% der Offiziere blieben am Leben, als Nikita Chruschtschow die Verbliebenen aus den Lagern entließ.

General von Pannwitz wurde mit fünf seiner Generale in Moskau durch den Strang hingerichtet. Es blieb nun noch das Lager Peggetz bei Lienz sowie das ganze Drautal mit beinahe 100.000 Kosaken und Flüchtlingen. Am 29. Mai 1945 begann die Auslieferung.

Auf einer Tribüne versammelten sich 26 Geistliche mit Ikonen und kirchlichen Fahnen, und es begann ein Gottesdienst. Unzählige versammelten sich. Aus der Ferne war der Lärm der sich nähernden britischen Panzerwagen zu hören. Das Lager war umkreist. Es kamen englische Infanterie und Lastwagen. Die Soldaten gaben zuerst eine Salve vor die Füße der Betenden, dann über die Köpfe. Die Panzer rollten in die Menge. Die Soldaten schlugen mit Knüppeln um sich.

Im Gedränge kamen durch Schüsse, Panzer und Kolbenhiebe etwa 3.000 Männer, Frauen und Kinder um. Ungefähr 500 warfen sich in die Drau und ertranken. Schließlich wurden die Übrigen in die wartenden Züge verladen.

Zeugen behaupten noch heute, dass aus vielen Eisenbahnwaggons, die beinahe hermetisch verschlossen wurden, Blut tropfte; viele andere haben junge englische Soldaten gesehen, die weinten. Nach drei Tagen endlich wurde es still im Drautal. Unzählige Transporte rollten nach Sibirien – dem Tode entgegen.

In alle Welt zerstreut, treffen sich am 1. Juni alljährlich viele der Überlebenden dieser Tragödie auf dem einsamen Friedhof in Peggetz bei Lienz, um ihrer Angehörigen, Freunden und Stammesgenossen zu gedenken. Vielfach nehmen auch Vertreter der hiesigen Behörden sowie zahlreiche Bevölkerung von Lienz und Umgebung an dieser Gedenkfeier teil.

Hier liegen jene, die tausende Kilometer in Richtung Westen gezogen sind in der Hoffnung, dort Rettung vor dem Kommunismus zu finden.

Ronald Hingley: „Von Puschkin bis Tolstoi“ (Kindler Univ. Verlag) schreibt: Kosaken – Der Hinweis auf Gogol erinnert uns daran, dass die Kosaken oft in der russischen Literatur eine Rolle spielen, ohne dass die nichtrussischen Leser genau wussten, wer sie sind. Die Kosaken waren nicht ein Volk für sich, sondern Russen, Ukrainer, die andere ethnologische Elemente aufgenommen hatten. Sie stammten hauptsächlich von orthodoxen Bauern ab, die an die Grenze geflohen waren, um sich der Leibeigenschaft, den Steuern oder – wie jene, die der polnischen Herrschaft entgehen wollten – der religiösen und nationalen Verfolgung zu entziehen.

Der Todenzug der Kosaken

Die Tragödie an der Drau
Lienz, 1. Juni 1945
Von Emil Winkler, Lienz

Langsam zieht sich ein Treck,
schier endlos, ein Bild bitternen Elends,
Nagen reiht sich an Wagen,
von tausenden Reitern begleitet,
Frauen mit weinenden Kindern,
gebrochene, bärtige Greise,
Zeugen drückender Not
von monatelangem Entbehren,
Flieh’n vor dem grimmigen Feind
und suchen hier bei uns Zuflucht,
Nicht ahnend, was ihrer harrt,
so stürzen sie sich ins Verderben.

Dnjepr, Terek und Don,
die waren dereinst ihre Heimat.
Jahrhunderte kämpfte der Ahn,
tartarischen Einfall zu wehren;
Ordnung und Recht zu erhalten,
die Sitten der Väter gar heilig;
Grundeten Dörfer und Städte
und lebten in Wohlstand, zufrieden.

Da kam ein anderer Geist,
der alles Dastehende ändert,
Gut und Besitz neu verteilt,
der alten Gesetze nicht achtend;
Alles mit Schwert und mit Feuer,
das nicht gehorcht, sich zu beugen,
auslöscht; Verderben und Tod
und Elend und Grauen verbreitet.

Erst setzten sie sich zur Wehr;
allein ihre Kräfte erlahmen,
nehmen so lieber das Feld,
als sicher den Tod zu erleiden;
lassen den Hof und die Heimat
und tragen den Schmerz ihres Abschieds
immer im Herzen mit sich:
das nie versiegende Heimweh.

Bitter war sicher ihr Los,
und unerbittlich ihr Schicksal.
Gehetzt, verfolgt und getrieben,
obwohl Zucht und Ordnung sie hielten,
sah man sie nirgendwo gern:
ein entwurzeltes Volk ohne Bleibe.

Plötzlich ertönte ein Ruf:
„Kosaken, alle zusammen!
Eintracht auch, wir schlagen den Gegner
vereint mit den deutschen Soldaten,
Frei sei die Heimat vom Joch,
vom Zwang der neuen Versklavung;
Kehren zurück dann wieder
in unsre soliden Gefilde!“

So zogen sie in den Kampf
gegen den Feind in der Heimat.
Pannwitz war ihr General,
er führte von vorn sie zu Siegen.
Ruhmreich schlugen sie sich,
gar vielen andern ein Beispiel.

Kriegsglück hat kurzen Bestand,
es wendet sich schnell wie das Wetter.
Wehe aber dem Heer,
verfolgt und vom Feinde geschlagen!
Großmut hat hier keinen Platz;
du wartest vergebens auf Gnade.
Nichts blieb auch ihnen erspart,
den mutigen, tapferen Kosaken.

Doch der gebührende Lohn,
wie karg war er doch bemessen!
Geschlagen, vom Feinde getrieben,
so kamen sie über die Berge
in unser friedliches Tal
und hofften Pardon hier zu finden.

Doch ihr Geschick wollte es anders.
Verkauft waren sie schon in Jalta.
Schand, im politischen Handel
verlangte da Stalin, der Sieger,
Auslieferung in seine Hand,
damit er gebührend sie Strafe.

Als die Kosaken dies hörten,
da wussten sie, was ihrer wartete:
Sibirien, Karelien, Nagaika,
das waren die milderen Strafen;
unbarmherzig auf viele
wartete der sichere Tod.

Was sie nun auch unternahmen,
das bittere Los abzuwenden,
Eingaben, Bitten, Gesuche
an höchste Mächte gerichtet,
Berufung auf Konventionen,
vereitelten berechtigter Hoffnung.

Schicksal, nimm deinen Lauf!
Es gibt für alle keinen Helfer.
Hier ist guter Rat teuer,
denn alles Bemühen ist nutzlos.
Keine Tür tut sich auf:
sie sind von allen verlassen.
Schreie heller Verzweiflung
verhallen, sie geben kein Echo.
Ruhe des Herzens erflehend,
ein Gott sich um Hilfe gewendet,
inbrünstig beteten sie.

Vor flüchtig erbautem Altare
stehen schon ihre Priester,
zu bitten den Höchsten um Gnade,
segnend die andächtige Menge
in ihrem vollen Ornate.
Alle stimmen an
die uralten, tröstenden Weisen;
mächtig dröhnte der Chor
aus Abertausenden Kehlen.
Aus den glitzernden Kelchen
verteilte man die göttliche Frohklang,
lindert unsagbares Leid
der Armen in ihrem Kleinmut.

Da brach die Hölle los.
Die Engländer waren gekommen.
Nicht achtend des heiligen Kults,
beginnt nun ein Werk der Vernichtung.
Eingekreist war schon das Lager
von schwer bewaffneten Panzern.
Dicht herangezogen,
zerrten sie brutal Frauen und Kinder
auf die bereitstehenden Wagen.
Die Männer wollten dem wehren.
Tapfere sprangen herbei,
entrissen den Rohlingen die Waffen,
stellten sich ihnen zum Kampfe.

Da holten die Briten Verstärkung.
Schon rollte auch diese heran.
Es war ein ungleiches Ringen.
Trotzdem, mit schwarzen Maaten,
schlugen sich nun die Kosaken.
Viele doch fanden den Tod.
Die Personen, in ihrer Verzweiflung,
suchten den Tod in den Fluten
der Drau, nahe den Lagern;
nahmen die Kinder mit sich,
um, so der Schmach zu entgehen.

Nein, so dürfet ihr nicht enden.
Gerechtigkeit zolle auch dem Gegner.
Manch einer der jungen Briten
ließ ab von dem furchtbaren Treiben;
fühlte im Busen sein Herz
von der Aufregung mächtig schlagen,
anblickend all dieses Elend,
das nun sein Gewissen belastet.

Manch einer wandte sich ab,
gerührt, seine Tränen verbergend,
Trauer und Abscheu im Herzen
und fluchend erhaltenen Befehlen.
Manchen doch glückte die Flucht.
Oft tagelang ohne jedwede Nahrung
hielten sie sich versteckt,
solange Gefahr in Verzug war,
bis man sie nicht mehr verfolgte
und nicht nach dem Leben sehr trachtete.

Scheu, zerlumpt und verhungert,
so wagten sie vorerst ganz zaghaft,
unter die Menschen zu gehen.
Man hatte Mitleid mit ihnen.
Nun war der Spuk ja vorüber
und neu mussten alle beginnen.
Alle, Staat und Gemeinden,
bemühten sich nun um die Armen.
Schufen manch trauliches Heim,
damit sie das Elend vergessen.

Ob aber dies auch gelang?
Wer blickt in die Tiefen der Herzen?
Nimmer kommt doch zur Ruhe
das melancholische Heimweh!

Nahe am Rande von Lienz
da liegt ein einsamer Friedhof,
treulich gehegt und behütet.
Hier ruhen die zahllosen Opfer
dieses unschuldigen Tages.
Am ersten Juni, alljährlich,
ihr gedenkt man in Liebe
in dem ihnen eigenen Ritus.

Tapfere Männer und Frauen,
sie fanden vor Jahren ihr Grab hier.
Wahrer, unsterblicher Ruhm,
jahrhundertealte Geschlechter
enden hier in Tirol.

Ein Mahnmal ist stummer Deuter
dieser ruchlosen Tat.
Hier endet der Zug der Kosaken.
Hier endet auch ihre Geschichte.

Lienz, im März 1971

 

Ein Teil der Kosaken, einst gesammelt und angeführt von General Helmuth von Pannwitz, kämpfte in Jugoslawien gegen Partisanen und später gegen die vordringende russische Heeresmacht. Beim Zusammenbruch kam ein Teil auf dem Rückzug mit vielen tausend Mann und ihren Familien und ebenso vielen Pferden über den Plöckenpass nach Lienz, in der Hoffnung, als Kriegsgefangene anerkannt zu werden.

Bei der Konferenz zu Jalta (4. bis 11. Februar 1945), bei der Roosevelt, Churchill und Stalin das „Jalta-Abkommen“ trafen, stellte Stalin die Forderung, dass alle russischen Staatsbürger nach dem Kriege repatriiert werden.

Die Kosaken kämpften schon in der großen Revolution gegen die Bolschewisten; daher ließen ihnen die Folgen einer Auslieferung keine Zweifel.

So kam es am 1. Juni 1945 zu der Tragödie von Lienz.

Ein Nachtrag

Herr Pier Arrigo Carnier, Pordenone, Publizist – er hat in seinen Jugendjahren das Elend der Kosaken in Gemona miterlebt. Diese Eindrücke haben ihn zutiefst erschüttert; es hat ihn auch bewogen, nunmehr die Wege der Kosaken zu verfolgen und zu erforschen.

Er schreibt mir:
„Wie Sie wissen, habe ich mich schon lange und ausführlich gerade mit den relativen Ereignissen des großen ‚STAN‘ der Kosaken beschäftigt. Diese befanden sich 1944/45 in Italien und wurden später in Lienz durch die Engländer den Sowjets ausgeliefert. Auch beschäftigen mich die Beziehungen des nach Jugoslawien verlegten XV. Kosaken-Kavallerie-Korps unter der Führung und dem Kommando des Generals Helmut v. Pannwitz, dem das gleiche Schicksal beschieden war.

Ich habe mich auch journalistisch betätigt mit den weitverzweigten Ereignissen – aufrührerisch, national –, die sich 1942 bis 1945 im Osten begeben hatten, die sich sogar über diese Zeit hinaus erstreckten. Auch habe ich mich eingehend beschäftigt und tue es noch mit den Geschehnissen im adriatischen Küstenland.

Was das Schicksal der Kosaken und anderer Kampfgruppen russischer Nationalität, z. T. der Waffen-SS angeschlossen und die sich den Alliierten außerhalb Österreichs ergeben haben, betrifft, kann ich nur über indirekte Wege berichten:

  • Die zwei Wlassow-Divisionen (Befreiungsarmee) haben sich in der Tschechoslowakei gegen die SS gewandt, um den Aufstand in Prag zu unterstützen. Sie wurden von den Alliierten den Sowjets ausgeliefert. Wlassow und die anderen Generale und Offiziere wurden nach einem Prozess justifiziert.
  • Die Wlassow-Divisionen hatten auch Kosaken in ihren Reihen.
  • Teile der Kosaken, die sich in Jugoslawien den Banden Titos ergaben, wurden vernichtet.
  • Die Russen, die sich in der Normandie ergaben und den Sowjets ausgeliefert wurden, hatten im Baltikum ein tragisches Ende gefunden.
  • Kosaken, die sich in Gemona den italienischen Partisanen ergeben hatten – wovon ich die Akten der Übergabe lange vergeblich gesucht hatte – wurden, trotz der zugesicherten Versprechungen des Schutzes und der Unterstützung seitens der Partisanen, nach und nach von den Engländern den Sowjets übergeben. Sie wurden vorher im Lager Ancona zusammengefasst, wo sie längere Zeit kampierten.
  • Die Angehörigen der 162. Division – „Turkmänische“ –, in Turkestan aufgestellt und von deutschen Offizieren befehligt, haben sich in Italien ergeben. Auch sie wurden den Sowjets übergeben.

Somit haben die Anglo-Amerikaner in großen Zügen die Abmachungen von Jalta erfüllt.“

Aus dem Italienischen übersetzt
von Emil Winkler, Lienz

Gedenken an General Helmuth von Pannwitz
auf dem Kosakenfriedhof in Lienz

 

General Helmuth von Pannwitz, der Kommandeur des XV. Kosaken-Kavallerie-Korps, wurde am 16. Jänner 1947 im Labinkaxefängnis in Moskau hingerichtet. Am 14. Oktober hatte er sein 75. Lebensjahr beendet. Diesen Tag wählten die ehemaligen Offiziere der deutschen Wehrmacht mit ihren Kosaken, um ihres geliebten und hochgeschätzten Generals auf dem Kosakenfriedhof in Lienz zu gedenken.

Man scheute nicht die weite Anreise, die für einige 800 und sogar über 1000 km betrug, um an dieser schlichten Feier teilnehmen zu können. Eine Abordnung der Soldaten-Kameradschaft „Osttirol“ hatte an der Feier teilgenommen, die trotz des schlechten Wetters auch von der Bevölkerung stark besucht war. Pfarrer Sydorenko von der orthodoxen Glaubensgemeinde in Villach sprach in russischer Sprache die Gebete, segnete die Gräber, das Denkmal und die „Gläubigen“.

Unter den Klängen eines Chorals (Bläserquartett Pramstaller) legten die Kameraden Weil und Bojtschowsky den Kranz des XV. Kosaken-Kavallerie-Korps am Denkmal nieder. Neben der österreichischen Bundsfahne wehten die Traditionsfahnen der Kosaken.

Kamerad Weil aus Gummersbach bei Köln hielt die Gedenkrede. Er brachte einen ausführlichen Lebenslauf des Generals, der schon in jungen Jahren, zufolge der damaligen Nähe der russischen Grenze seines väterlichen Gutes, mit den Kosaken in Berührung kam. Der Knabe hielt sich viel bei ihnen auf, erlernte ihre Sprache und ihre Reiterkünste. So war sein weiterer Lebensweg schon in jungen Jahren vorgezeichnet worden. Hauptmeister Dojtschewsky dankte allen Erschienenen mit ergreifenden Worten.

Hart war das Leben der Überlebenden dieser tapferen Kampftruppe. Wurden die Kosaken gemäß dem Vertrag von Jalta den Sowjets ausgeliefert, so kamen ihre Offiziere der deutschen Wehrmacht in russische Gefangenschaft. Vielen wurde der Prozess gemacht und so mancher wurde zum Tode verurteilt. Vorerst kamen sie nach Sibirien, wo ihre Gefangenschaft 8, 9 – bei Oberst Hoy sogar 10 Jahre und 1 Woche dauerte, denn erst 1955 wurden sie begnadigt und konnten in die Heimat zurückkehren. Es ist somit kein Wunder, wenn so mancher, der gerne gekommen wäre, sich aus gesundheitlichen Rücksichten entschuldigen musste.

Neben Hauptmeister Paul Dilla, Kuno DuBel, Hans Wiegand, Dacek u.a. – auch Journalist und Kenner der traurigen Geschichte der Kosaken, Herr Pier Arrigo Carnier aus Pordenone (Italien) – war gekommen, sowie Kamerad Günther Hoy – heute Oberst des Generalstabes in Wien. Besonders erwähnt werden muss Hauptmeister Frits Weil. Aufgrund der langen Gefangenschaft mit ihren Strapazen und Narben hat er sein „Augenlicht bis auf einen kleinen Schimmer“ verloren.

Trotzdem ist dieser Mann mit seiner Größe von 2 Metern (minus 2 cm) von einer geradezu bewundernswerten Vitalität. Denn er hält den „ganzen Haufen“ seiner ehemaligen, im Herzen noch so genannten XV. K.K.K. zusammen. Er war auch der Initiator der Feier.

Die meisten Kameraden waren mit ihren Frauen gekommen, und so gab es im Hotel „Post“ und am nächsten Tag im Hotel „Bozner Hof“ noch ein gemütliches Zusammensein mit recht angeregter Unterhaltung.

Durch die historische Begebenheit in der Peggetz bei Lienz hat sich nun das IV. Kosaken-Kavallerie-Korps gerade Lienz als Standort für seine größeren Veranstaltungen gewählt. So soll erstmals zu Pfingsten 1975 dieses Treffen nach Lienz verlegt werden. Mit seinen 350 Mitgliedern will nun die Kameradschaft des XV. Kosaken-Kavallerie-Korps zu diesem Zeitpunkt in Lienz mit der „Soldaten-Kameradschaft Osttirol“ ein Verbrüderungsfest feiern.

Die Kameradschaft „Osttirol“ wird es sich sehr angelegen sein lassen, diesem Treffen eine verbindliche, kameradschaftliche Note zu verleihen.

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Anmerkung von Emil Winkler

General Wasili G. Glaskow hat im Verlag Speller & Sons, Publishers, Inc., New York, 10036, ein Buch in englischer Sprache herausgegeben (1972): „Die Geschichte der Kosaken“, in dem er auf 160 Seiten den geschichtlichen Nachweis zu erbringen versucht, dass die Kosaken keine Russen, sondern ein eigener Volksstamm seien.

Beide Gruppen sind unter sich selbst darüber nicht einig, denn die andere Gruppe bekennt sich unverrückbar zum russischen Kaiserreich, zur russischen Heimat, als treue Anhänger des verstorbenen Zaren.

Das ist die große Kluft, die fast unüberbrückbare Kluft, die sie trennt.

Anmerkung 2025: Diese Kluft besteht weiterhin – heute jedoch aus einem völlig anderen und wesentlich schwerwiegenderen Grund. Der Krieg in der Ukraine hat unmissverständlich gezeigt, dass Patriarch Kirill von Moskau (MP) sowie die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland unter dem Moskauer Patriarchat (ROKA-MP) offen Präsident Putin unterstützen, seine aggressive Politik religiös rechtfertigen und dessen Bestreben fördern, Elemente der Stalin-Ära wiederzubeleben und eine neue sowjetische Einflusszone zu schaffen. Diese Haltung steht im klaren Widerspruch zu den Werten unseres Vereins und hat daher zu einer deutlichen Abgrenzung geführt.

 

Auf dem Kosakenfriedhof in der Peggetz bei Lienz
Vorgetragen von Altbgm. Emil Winkler
anlässlich der Gedenkfeier an Gen. H. v. Pannwitz am 14. Oktober 1973

Bedrückt vom Geiste des Ortes,
erschüttert von eurem Geschick,
erstirbt die Bedeutung des Wortes,
blicken wir heute zurück.
Hier hat man dereinst euch gebettet
zur letzten, zur ewigen Ruh.
Die freien Hände gekettet.
Schwer fielen die Augen zu.
Wem sollte euer Sterben auch frommen,
ihr stummen Zeugen der Zeit?
All jene, die nach euch noch kommen,
wir hoffen, fortan sie gefeit.
Hier sind wir zu eurem Gedenken,
in lautem, im stummen Gebet,
denn die Geschicke kann lenken
nur EINER, der über uns steht.
So schwer es auch ist, zu vergeben,
so schwer es auch fällt, zu verzeih’n:
Wir bitten den Herrgott im Himmel,
ER möge die Kraft uns verloih’n.
Das ist es, worum wir heut‘ flehen,
zu sühnen ein ruchloses Tun.
Die Zwietracht möge vergehen:
In Frieden sollt ihr hier ruh’n!

Emil Winkler

Lienz, 1973

 

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